Auch hier gibt es eine Verdrehung eigentlich demokratischer Annahmen - Cornelia Herfurtner im Gespräch mit Katharina Koch und Sylvia Sadzinski
Koch & Sadzinski: In deinen Reliefs sieht man unterschiedlichste Alltagsgegenstände – von Mützen oder Sonnenbrillen hin zu Stoffen und Luftmatratzen. All dies sind Gegenstände, die gemeinhin nicht als Waffen verstanden werden – anders als in der titelgebenden Frage
Was ist eine Waffe? impliziert. Was hat es damit auf sich?
Herfurtner: Das ist ein Widerspruch. Und diesen Widerspruch betone ich, wenn ich danach frage, was eine Waffe ist, und in der Ausstellung dann harmlose Gegenstände abgebildet sind. Neben den von euch beschriebenen zum Beispiel auch Baseball Caps, Zahnschutz, Maler*innenanzüge, Handschuhe oder Löffel.
Bezugspunkt für die Arbeit bildet §17a des Versammlungsgesetz (VersG) und das dort beschriebene Verbot der sogenannten passiven Bewaffnung. Ich bin relativ zufällig über diesen Begriff gestolpert, las ihn 2017 in einem Zeitungsartikel über einen Prozess in Berlin. Berichtet wurde damals über einen Prozess gegen einen Demosanitäter, der in erster Instanz für das Tragen von Schutzkleidung beim Einsatz verurteilt wurde. Dieses Urteil wurde in der Berufung vom Berliner Landgericht ein Jahr später zwar revidiert, in der Praxis bedeutete das aber, dass ein Jahr nicht klar war, ob Demosanitäter*innen in Berlin sich strafbar machen, wenn sie bei Einsätzen Schutzkleidung tragen.
Was eine Waffe ist, ist ja jeder* relativ klar. Ein Gegenstand oder Werkzeug, mit dem einer anderen Person Schaden zugefügt werden kann oder soll. Wie aber ist es möglich, dass das Gegenteil einer Waffe, ein Schutzgegenstand, zur Waffe wird?
Damals las ich zur Anwendung des §17a VersG und recherchierte auch zu einem angrenzenden Thema; zu Fällen, in denen behelfsmäßige Waffen aus Alltagsgegenständen hergestellt wurden. Ich fand hauptsächlich Zeugnisse aus psychiatrischen Kontexten zu Beginn des 20. Jahrhunderts und aus Gefängnissen, in denen mit Akribie und Kreativität Löffel, Kehrbleche oder Matratzenfedern geschärft, Glasscherben mit Pflastern abgeklebt zu notdürftigen Messern wurden etc.. Ich fand das alles spannend, hatte aber keinen Impuls, das Thema zu entwickeln und ließ es ruhen.
Was war für dich der Anlass, das Thema wieder aufzunehmen?
Eigentlich mein veränderter Blickwinkel. Zum einen bin ich seit Jahren politisch organisiert und da stellt sich die Frage nach dem Sich-Schützen auf Demonstrationen in einer anderen Dringlichkeit. Und zum anderen war ich im Mai und Juni 2020 in New York City. Nach der Ermordung von George Floyd durch einen Polizisten gab es in New York City, wie in vielen anderen US-amerikanischen Städten, Proteste gegen rassistische Polizeigewalt. Ich war einen Monat lang fast ausschließlich auf Demonstrationen und habe eine Protestkultur kennengelernt, die sich stark von meinen Erfahrungen auf Protesten in der BRD unterscheidet .
Ein Aspekt, der mich erstaunte, war der aktive Selbstschutz und Maßnahmen zur Erhaltung der eigenen physischen Integrität und der von anderen Leuten. Auf Demonstrationen wurden beispielsweise Gesichtsmasken und Faceshields verteilt. Nachdem es Meldungen darüber gegeben hatte, dass die Polizei Schallkanonen einsetzen würde, wurden Ohrstöpsel ausgegeben. Daneben gab es immer wieder Menschen, die aus Einkaufswagen oder Kofferräumen heraus Wasser und Lebensmittel verteilten.
Und über die Frage, welche materiellen Gegebenheiten diese unterschiedlichen Protestkulturen bedingen, landete ich wieder beim Versammlungsgesetz und dem §17a.
Worum geht es im §17a?
Der §17a VersG macht es möglich, Gegenstände, die eigentlich dazu dienen, die physische Integrität zu schützen, beim Tragen oder Mitführen auf politischen Versammlungen unter freiem Himmel als „passive Waffen“ oder „Schutzwaffen“ zu kriminalisieren. Schutzwaffen sind keine Waffen, sondern Gegenstände, mit denen man sich schützen kann. Oder, in der Sprache des Versammlungsgesetzes: „Gegenstände, die [...] dazu bestimmt sind, Vollstreckungsmaßnahmen eines Trägers von Hoheitsbefugnissen abzuwehren.” Der §17a VersG wurde 1985 in der BRD eingeführt und Verstöße gegen ihn als Ordnungswidrigkeiten bestraft. 1988 wurden Verstöße dann zum Straftatbestand hochgestuft.
Wenn ich den §17a VersG in einen größeren politischen Kontext stelle, dann sehe ich, dass es um den Zugriff des Staates auf die Körper seiner Bürger*innen geht. Die sich, bitteschön, nicht gegen polizeiliche Maßnahmen zur Wehr setzen sollen. Mich interessiert, wie Leute ihren Protest im öffentlichen Raum durchsetzen und welche Praxen sie erfinden, um sich und andere dabei zu schützen.
In deinen Reliefs kommen auch Gegenstände vor, die nicht unbedingt der passiven Bewaffnung dienen. Was hat es damit auf sich?
Im §17a VersG geht es nicht nur um die sogenannte passive Bewaffnung, sondern auch um das Verbot von Vermummung. Das bedeutet, dass auch Gegenstände, die dazu dienen können, die Feststellung der Identität einer Protestierenden zu verhindern, kriminalisiert werden können. Dazu gehören unter anderem Balaclavas, Mützen, Sonnenbrillen oder Schals.
In Bezug auf Vermummung gibt es bei Demonstrationen in der Regel Auflagen der Polizei. Etwa, dass man ein Element tragen darf, nicht aber zwei oder drei. Das heißt dann zum Beispiel: Das Tragen einer Sonnenbrille ist okay, aber das Tragen von Sonnenbrille, Kapuzenpullover und Schal zusammen nicht.
Auch hier gibt es eine Verdrehung eigentlich demokratischer Annahmen, nämlich dass die Staatsgewalt von der Bevölkerung ausgehen soll. Das bedeutet beispielsweise, dass die Bürger*innen bei der Ausübung ihrer demokratischen Rechte, etwa der Versammlungsfreiheit, geschützt werden und sich schützen können. Und dass diejenigen, die mit der Ausübung hoheitlicher Gewalt betraut sind, hier die Polizei, in jedem Moment für ihr Handelns zur Rechenschaft gezogen werden kann, falls sie ihre Kompetenzen überschreitet.
Nun sind deine Reliefs ja keine Register verhandelter Gegenstände. Wieso eigentlich nicht?
Ich habe zwei Serien von Reliefs, Griffe und Schild des Schutzes. Und Griffe kommt einem Register schon nahe, denke ich. Für diese Arbeit habe ich mir angeschaut, wie aus Alltagsmaterialien Schutzgegenstände improvisiert werden. Ein Moment, das mich interessiert hat, war, wie Griffe alle möglichen Alltagsgegenstände zu Schutzschilden werden lassen. In meinen Installationen haben die Griffe noch eine andere Funktion. Sie heben den Schildcharakter meiner Holzreliefs hervor, ohne dass die Reliefs selber zu Schilden werden.
Schild des Schutzes soll mehr leisten als die Illustration von Gegenständen. Deswegen habe ich die Gegenstände in Stillleben arrangiert. Erst wie zufällige Arrangements in privaten oder Büroräumen – wie vor einer Demonstration oder wie beschlagnahmt als Beweisstücke. Dabei waren Fotografien aus der Öffentlichkeitsarbeit der Polizei ein Bezugspunkt für mich. Die Tatsache, dass die Polizei aktiv Öffentlichkeitsarbeit macht, Pressemitteilungen schreibt und ihre Arbeit auf Social Media bewirbt, ist bürgerrechtlich umstritten. Ich finde es wichtig, auf den Interessenkonflikt hinzuweisen, der besteht, wenn die Polizei als Trägerin hoheitlicher Gewalt die Ausübung derselben medial legitimiert.
2022 habe ich dann begonnen, Gegenstände im öffentlichen Raum zu porträtieren – als der Ort, der Proteste bedingt und in dem die Gegenstände ihre schützende und widerständige Funktion bekommen.
Würdest Du Deine Kunst als politisch oder gar aktivistisch verstehen bzw. was ist das Politische an Deiner Kunst? Und noch konkreter: Was ist das Feministische an Deiner künstlerischen Arbeit?
Zur ersten Frage: Grundsätzlich ja, Kunst ist immer politisch. Und wenn ich mir den Grad anschaue, in dem Kunst kommerzialisiert und integriert wird, dann sehe ich natürlich erstmal die Anstrengungen des kapitalistischen Systems, dieses Potenzial zu bannen.
Als aktivistisch (ein heute übrigens ziemlich gebräuchliches Wort, das die Nazis in deutscher Sprache als positive Selbstbezeichnung etabliert haben) verstehe ich Kunst überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Wenn ich einen Text lese, in dem Kunst „hinterfragt“, „eingreift“ oder „interveniert“, werde ich immer vorsichtig. Denn dort wird der Kunst etwas zugeschrieben, was sie nicht leisten kann. Wenn einem Werk in einem Museum zugesprochen wird, die Praxen eines, sagen wir, deutschen Rüstungskonzerns zu „hinterfragen“, dann operiert das maximal auf der ideologischen Ebene. Die Verantwortung, die Geschäfte des Konzerns offenzulegen, zu kritisieren und sich gegen sie zu organisieren, liegt jedoch jenseits des Museums.
Die dritte Frage, nach dem Feministischen an meiner Praxis, finde ich schwerer zu beantworten. Dass meine Identifikation als Frau* nicht ausreicht, um meine künstlerische Praxis, die in vielen Aspekten der einer Unternehmer*in gleicht, zu einer feministischen zu machen, ist klar. Die Frage ist ja, was tut meine Praxis für die Emanzipation von FLINTA*?
Selbstverständlich beschäftige ich mich mit feministischen Praxen – als Beispiel etwa in der Diskussionsveranstaltung Nicht eine* weniger - und schaffe so temporäre Orte des Austauschs und des Lernens. Und die Frage, wie wir eigentlich unsere körperliche Unversehrtheit auf Protesten garantieren, ist auch eine feministische Frage – eben weil Reproduktion und reproduktive Arbeit feminisiert und privatisiert werden. Diese Tätigkeiten öffentlich zu machen, weist die verengende und seit der Antike zum Ermüden oft wiederholte Trennung zwischen privat und öffentlich zurück – und das ist feministisch.
Habituell betrachtet bedeutet feministische Praxis, beispielsweise in der hierarchischen Kunstwelt, Zugänge zu schaffen, offen zu bleiben für andere und Leute nicht nach Klasse oder Herkunft einzuordnen. Das bedeutet für mich auch darauf zu bestehen, dass künstlerische Praxen nicht für die happy few, sondern für uns alle von Bedeutung sein können. Das bedeutet auch, die eigene künstlerische Praxis dahingehend zu entwickeln – auch im Austausch mit anderen Leuten.
Künstlerische Ausdrucksformen sind meist vielschichtig und sprechen verschiedene Sinne an. Wenn sie sich politischen Themen widmen, sind sie dabei in den meisten Fällen weniger eindeutig als zum Beispiel ein politisches Manifest, Plakat oder Demonstration. Welche Potenziale siehst du in und mit der Kunst, um politische Themen zu verhandeln?
Hier sind die Sinne für mich der zentrale Begriff. Kunst hat viel mit Wahrnehmung zu tun, mit der Schulung der Sinne, dem Sehen lernen und Hören lernen. Und ist damit immer auch Selbstveränderung. Darin liegt für mich das Potenzial von Kunst. Dazu fallen mir die Briefe von Rosa Luxemburg ein, die sie während ihrer Gefangenschaft zur Zeit des Ersten Weltkriegs verfasst hat. Dort beobachtet und beschreibt sie Vögel, Insekten und Pflanzen. Ich denke, das ist ein wichtiges Moment, auch in dieser ausweglosen und fremdbestimmten Lage die Sinne und die Beobachtungsgabe zu sensibilisieren. Nur, wenn wir uns verändern, geht es weiter.
Wie haben sich deine Werke und die verschiedenen Ausstellungen zum Thema in den letzten Jahren verändert?
Ich arbeite seit drei Jahren an Was ist eine Waffe?. In dieser Zeit hat das Werk an Form gewonnen, würde ich sagen. Und dabei gibt es sowohl Kontinuitäten als auch Veränderungen.
Schon bei der ersten Ausstellung bei After the Butcher im Herbst 2020 waren die Reliefs im Raum installiert, wiesen aber nur in zwei Richtungen. Damals hatte ich noch keine Erfahrung mit dem Schnitzen, was den Arbeiten einen sehr direkten Charakter gab. Sie waren außerdem ziemlich unfertig. Ein Relief zeigte eine Frage aus einer Uni-Klausur im Fach Jura und fragte nach der legalen Definition einer Waffe – wo es eben zu beachten gilt, dass eine Waffe sowohl eine Waffe als auch keine Waffe sein kann. Mit diesem Widerspruch wollte ich auf den §17a VersG aufmerksam machen.
Für die zweite Ausstellung im very in Berlin-Wedding arbeitete ich mit ziemlich viel Stroh. Das Stroh half mir, einen Raum zusammenzubringen, dessen hohen Hälfte weiß und dessen niedrige Hälfte schwarz gestrichen war. Im Dialog mit Anna Zett entschied ich mich, das Schrift-Relief nicht zu zeigen und die Frage Was ist eine Waffe? zum Titel zu machen. Neben dem Stroh nahm die Installation mehr Raum ein. Zudem gab es zwei Serien aus selbst geschnitzten Löffeln. Ich mochte den Widerspruch zwischen der titelgebenden Frage und der Vielzahl von Löffeln in der Ausstellung, die auf Sorge und Care verweisen, also auf lebenserhaltende Tätigkeiten.
Wie kamst du eigentlich auf Stroh als installatives Element?
Auf Stroh kam ich durch meine Recherche zur Anwendung des §17a VersG. Zwar wurde meines Wissens nach Stroh nie vor Gericht als „passive Waffe“ diskutiert, allerdings fand ich einen Fall in dem Stroh im Zusammenhang mit Protesten von Ende Gelände im Rheinland von der Polizei beschlagnahmt wurde. Stroh kommt regelmäßig auf Protesten im ländlichen Raum zum Einsatz – in einem Kartoffelsack wird es zum Kissen und schützt vor Nässe – sehr sinnvoll bei Protesten in Kohlegruben oder auf Bahnschienen. Auch um Schläge der Polizei abzuschirmen, ist es nützlich.
In Bezug zu der Frage der Repräsentation gefiel mir Stroh auch als künstlerisches Material sehr gut, weil es nicht durch einen seiner einzelnen Bestandteile – den Strohhalm - repräsentiert werden kann.
Deswegen auch die Kartoffelsäcke in der Ausstellung im very?
Genau. Die wurden zu Displays für die Serie Gütige Genoss*innen, einer Serie von geschnitzten Löffeln mit collagiertem Text. Neben den Löffeln gab es als neues Element noch ein Relief mit einem Index von Griffen. Diese Arbeit habe ich 2023 mit den NYC handles aufgegriffen und ausgearbeitet. Da fällt mir auf, wir haben noch gar nicht über das Relief gesprochen!
Stimmt. Warum hast du das Holzrelief als Medium für Was ist eine Waffe gewählt?
Die Ursprungsidee war simpel, ich wollte Schilde machen, also, im Sinne von Schutzschild. Und weil ich Lust auf einen einfachen und wiederverwertbaren Werkstoff hatte, kam ich auf Holz. Als ich nach der ersten Ausstellung endlich Zeit fand, in Museen und Bibliotheken zu gehen und mich mit dem Relief als Form zu beschäftigen, merkte ich ziemlich schnell, dass das Relief eine Kunstform des öffentlichen Raums ist. Eine gute Voraussetzung, damit weiterzuarbeiten.
Irgendwo fand ich dann noch ein langes Gespräch mit Carl Andre, der sich sehr gegen das Relief aussprach – dieses sei der Perspektive unterworfen, gehorche nicht der Schwerkraft, ignoriere die Spezifität des Materials usw. Also, in kurz, er zeichnete das Relief als ein abhängiges, ergo „weibliches“, Medium. Und das wiederum gefiel mir sehr gut. Autonomie, L'art pour l'art, blablabla!
In der Ausstellung bei alpha nova & galerie futura ersetzt du das Stroh durch eine orange Holzkonstruktion. Warum?
Für die Ausstellung bei MÉLANGE in Köln habe ich einen Prototyp für die Holzkonstruktion bei alpha nova entworfen, ein neunteiliges Gerüst aus Holzsteckverbindungen. Ich wollte die Reliefs im Raum zeigen, in unterschiedlichen Höhen und als physisches Gegenüber für die Betrachter*in. Das geht mit Stroh nicht, dann wird der Strohhaufen zur Hürde, nicht das Relief.
Holzsteckverbindungen waren neu für mich, da schneidet man Balken so zu, dass sie passgenau ineinanderstecken können. Diese Konstruktionen sind auf- und abbaubar und ein schönes Sinnbild für Kooperation.
Auf die Farbe kam ich über die Kartoffelsäcke aus der Ausstellung im Vorjahr. Die Farbe bildete einen tollen Kontrast zum hellen Lindenholz. Gleichzeitig ist knallorange eine Signalfarbe, die für mich, wie lose auch immer, auf den öffentlichen Raum verweist.
Bei alpha nova gab es dann zwei Holzkonstruktionen, die unterschiedlich hoch und ineinander verschränkt waren. Die Konstruktion habe ich mit David Polzin in der Holzwerkstatt des BBK gebaut. Insgesamt sind es 29 Teile, von denen 21 jeweils zwei unterschiedliche Enden haben. Ein anspruchsvolles, streng geometrisches Puzzle.
Insgesamt trägt die Struktur elf Reliefs, die in sechs Richtungen zeigen. Die Betrachter*in bewegt sich durch Raum und Konstruktion, um die Reliefs zu sehen. Durch die Installation wird die Flachheit als Eigenschaft des Reliefs betont. Wenn ich ein Relief von vorne sehe, sehe ich gleichzeitig andere von der Seite oder von hinten; verzerrt, ausschnitthaft oder glatt.
In dieser Ausstellung gibt es zum ersten Mal zwei runde und gewölbte Reliefs, bei denen Vorder- und Rückseite gestaltet sind. Diese beiden stellen Straßenszenen dar und verweisen am direktesten auf die Form des Schutzschildes.
Wie geht es für weiter für dich? Ist das Themenfeld in gewisser Hinsicht für dich abgeschlossen oder wirst du dich in abgewandelter Form weiter damit beschäftigen?
Ich werde meinen Blickwinkel hin zu den vielfältigen Praxen wenden, die Leute und soziale Bewegungen entwickeln, um sich den öffentlichen Raum anzueignen und Proteste durchzusetzen. Dabei interessiert mich besonders eine internationale Perspektive. Außerdem werde ich den Ausstellungsraum verlassen und Reliefs im öffentlichen Raum zeigen. Dafür werde ich diesen stärker in den Blick nehmen und untersuchen, wie er auch abseits von Protesten gestaltet und genutzt wird.
Ansonsten plane ich eine Arbeit, die von der Form des Models ausgeht, die seit dem Mittelalter in Europa gebräuchlich ist. Model sind negative Flachreliefs in Holz, die genutzt werden, um Bildgebäck in Serie herzustellen. An dieser Form der reproduzierbaren Reliefs interessieren mich besonders zwei Aspekte. Zum einen handelt es sich bei den Modeln in der Regel um Werke ohne Autor*in, deren Abdrücke, die Bildgebäcke, nicht der kapitalistischen Verwertungslogik zeitgenössischer bildender Kunst unterliegen. Zum anderen schafft der Aspekt der Essbarkeit eine direkte Verbindung zum menschlichen Körper. Der menschliche Körper, sein Schutz und Wohlbefinden wiederum stehen im Zentrum vieler sozialer Kämpfe.
Ein wichtiger Punkt ist mir die Wertschätzung, die das Bildgebäck sozialen Praxen entgegenbringt und die paradoxerweise im unzeitgemäßen traditionellen Verfahren begründet liegen.
Gibt es eine Ankedote, die du im Rahmen deiner Recherche für Was ist eine Waffe? teilen möchtest?
Bei meiner Recherche bin ich immer wieder auf Fotos gestoßen, in denen Demonstrant*innen Löffel in den Händen halten und nach oben strecken. Löffel sind rudimentäre Hilfsmittel, gehören zu den ältesten bekannten Werkzeugen. Der Löffel ahmt die gewölbte Hand nach – und zeigt den Menschen in seinem Angewiesensein auf Hilfsmittel und Sorge, den grundlegenden Bedürfnissen des Lebens. Und um die Erfüllung dieser Bedürfnisse für alle geht es.
Im Gespräch mit einem Freund habe ich erfahren, dass Löffel dazu dienen, das Pflaster aufzubrechen. Um sich, im Falle eines Angriffs, verteidigen zu können. Auf der einen Seite stehen die Protestierenden also für die Reproduktion des (menschlichen) Lebens ein und auf der anderen Seite symbolisieren sie mit den Löffeln den Willen sich zu verteidigen. Das ist ein sehr starkes Bild.
Dieses Interview wurde veröffentlicht in Was ist eine Waffe?, Berlin, 2023.